Riesig war unsere Freude , als es hieß, es geht nach Süd-Amerika. Zuerst wollten wir es überhaupt nicht glauben. Doch die vielen Proben belehrten uns bald eines Anderen. In der ganzen Stadt sprach man nur noch: "Die Regensburger Domspatzen fahren nach Süd-Amerika!"
Als wir 1936 im Juli beim Führer waren, hatte er die ganze Sache angeregt. Und so wurde das zuerst unmöglich scheinende Wirklichkeit.
Wir zählten schon 8 Wochen vorher die Wochen und Tage bis zum 29. Juni 1937. Aber unter dem vielen Einpacken und den vielen Proben verging die Zeit rasend schnell. Der 29. Juni war auf einmal da. Unsere großen Schiffskoffer, die wir mit vieler Mühe gepackt hatten, waren schon verzollt und weg geschickt. Um ½ 5 Uhr gingen wir in unsere Hauskapelle und beteten das Reisegebet. Im Speisesaal war noch ein kleiner Imbiss hergerichtet. Bald darauf wurde von den braven Schwestern Abschied genommen.
Mit der Straßenbahn ging es in freudiger Stimmung zum Bahnhof . Wir waren erstaunt über die vielen Menschen, die da versammelt waren. Sie waren alle gekommen, um von uns Domspatzen Abschied zu nehmen. Wir mußten uns förmlich einen Weg bahnen, um durch die Menschenmassen durch zu kommen. Der Schnellzug, der uns nach Hamburg bringen sollte, stand schon bereit. Schnell ging es in den für uns reservierten Wagen hinein. Die Fenster wurden aufgerissen und alles stürzte an dieselben. Jeder wollte noch von den Eltern, Freunden und Bekannten Abschied nehmen. Da,- ein Pfiff,- und langsam setzte sich der Zug in Bewegung. Ein letztes Händedrücken und Winken und hinaus aus dem Bahnhof ging die Fahrt. Die große Reise hatte begonnen!
Als die Plätze im Wagen verteilt waren und wir wieder ruhig waren, kam es uns eigentlich erst zum Bewußtsein, daß die Reise Wirklichkeit ist. Eben ging es gerade über die Maria-Orter-Brücke. Diese Gegenden waren uns von den früheren Reisen her noch sehr bekannt. Über Neumarkt ging die schöne Fahrt in die Stadt der Reichsparteitage, nach Nürnberg. In schneller Fahrt durcheilten wir das berühmte Reichsparteitagsgelände bei Nürnberg. Bald fuhren wir in die Bahnhofshalle hinein. Dort erwarteten uns Herren vom Verein "Freunde des Regensburger Domchor's". Sie wünschten uns gute Reise und viel Erfolg. "Hoffentlich geht es in Erfüllung!", dachten wir uns. In schneller Fahrt geht es dem schönen Würzburg entgegen. Dasselbe hatten wir noch alle in guter Erinnerung von der letzten Reise her. Mächtig schaute die Marienburg in der Dämmerung auf uns herab. Bald mußte aber wieder Abschied genommen werden und die Fahrt ging weiter. Allmählich wurde es dunkel. Da kam der Befehl: "Alles legt sich jetzt schlafen!". Ja, das war gut gesagt; aber die Einen lagen wohlgemut auf den Gepäckträgern, die Anderen auf den Bänken. Und so suchte sich jeder ein stilles Plätzchen. Vom Schlafen haben wir nicht viel gemerkt. Um 4 Uhr morgens wachten wir in einer uns völlig unbekannten Gegend auf, nämlich in der Lüneburger-Heide. Eben stieg die Sonne vom Horizont auf und beleuchtete alles in einem wundervollen Schein. Man sah ungeheure Herden von Schafen grasen. Um 10 Uhr gelangten wir in die Stadt Lüneburg. Sie ist eigentlich das Tor zur Lüneburger-Heide. Endlich, gegen 12 Uhr, sahen wir in der Ferne graue Luftschichten. Wir wußten alle sofort: Das ist die Stadt Hamburg. Immer näher und deutlicher wurde sie und schon ging es in den großen Hauptbahnhof hinein.
Am Bahnhof erwarteten uns einige Herren der "Hamburg-Südamerikanischen-Dampfschiffahrts- Gesellschaft". Wir wurden von ihnen gleich freundlich begrüßt und in Empfang genommen. Wir gingen nun in ein dem Bahnhof gegenüber liegendes Hotel und nahmen unser Frühstück ein. Hernach ging es schnell in eine Buchhandlung und es wurden Karten geschrieben.
Um 9 Uhr holten uns 2 große Omnibusse ab und brachten uns zu dem berühmten Tierpark "Hagenbeck". Schon das große und mächtige Eingangstor machte Eindruck auf uns. Schon jetzt hörte man das Brüllen der Löwen und das Gekrächtze der Vögel. Der Tiergarten ist der Erste von ganz Deutschland. Nach seinem Muster sind alle anderen angelegt. Wenn ich nun das alles beschreiben müßte, so könnte ich davon schon allein ein Buch ausfüllen. Am besten gefielen mir die Löwen. Die sind da nämlich nicht, wie gewöhnlich, in einem Zwinger, sondern im Freien, nur durch eine Mauer von den Leuten getrennt. Wir wollten überhaupt nicht mehr weg gehen. Doch die Zeit drängte und wir mußten leider wieder weiter. An dem Vogelhaus vorbei ging es in das Schlangenhaus. Da sah man nun alle möglichen Schlangen, von der Kleinsten bis zur Größten.
Leider mußten wir jetzt fort und zum Mittagessen fahren. Auf der schönen Fahrt mit den 2 Omnibussen sahen wir das Alte Rathaus und das berühmte Chile-Haus. An der Außenalster und an der Universität vorbei, ging es zum Hotel. Dort nahmen wir das Mittagessen ein und ruhten bis um 3 Uhr.
Und nun kam etwas sehr Schönes, nämlich die Hafenrundfahrt. Um 3 Uhr begaben wir uns unter der Führung eines Herrn von der H.S.D.G. auf den Weg zum Hafen. Dabei kamen wir auch am Bismarck-Denkmal vorbei. Als wir schon fast am Hafen-Kai ankamen, kam plötzlich der Ruf von den Vorderen : Die "CAP ARCONA" ! Und wirklich, vor uns lag der gewaltige Ozeanriese, gleich neben der bekannten Übersee-Brücke! Uns erwartete aber schon ein kleines Hafenschiff von der H.S.D.G.. Mit Freuden betraten wir das Schiff und schon ging es davon. Fast alle drängten sich vorne auf den Bug hin, denn da kamen die Spritzer von dem salzigen Wasser. Aber nun ging die Fahrt direkt unter der gewaltig hohen Schiffswand der "CAP ARCONA" vorüber. Wir wollten alle schon jetzt hinauf, aber das ging leider nicht. Am Ufer standen die gewaltigen Kräne und Hallen der Schiffswerften. Das Dröhnen der schweren Hämmer nahte bis zu uns her. Auf einmal sahen wir vor uns zwei so graue Schiffskörper im Wasser liegen. Da erklärte uns der Herr, daß das zwei Kriegsschiffe seien. Nämlich ein Torpedo-Boot und ein kleiner Zerstörer. Zwischen den anderen Schiffen lag auch der K.d.F.-Dampfer "Wilhelm Gustloff".
Unzählige kleine Boote kreuzten den Hafen nach allen Richtungen. Nun ging die Fahrt an den Werften und Dock's der "Deutschen Werft" vorbei. Vor uns stand der größte Hebekran der Welt. Auf ihm ist nämlich noch ein anderer Kran aufgebaut. Doch leider steuerten wir schon wieder auf unseren Anlegeplatz zu. Die 2 ½ Stunden sind wie im Fluge vergangen.
Wir begaben uns nun in ein schönes Kaffeehaus. Durch die Fahrt hatten wir Hunger bekommen und aßen hier noch mal tüchtig, zum letzten mal auf deutschem Boden! Man hat von da aus eine wunderbare Aussicht auf den Hafen und auf die Übersee-Brücke.
Endlich hieß es,- für uns eine unendlich lange Zeit,- "Auf! Fertig machen, es geht zur "CAP ARCONA"! ". Wir nahmen unsere wenigen Sachen zur Hand und machten uns freudig auf den Weg. Bald gelangten wir an der Übersee-Brücke an. Kaum waren wir hinüber, als uns auch schon die Zollbeamten empfingen. Doch bei uns hatten sie keine Schwierigkeiten und wir durften durch.
Ehrfürchtig und aufgeregt betraten wir das Schiff. Erstaunt blickten wir in der großen und eleganten Vorhalle umher. So groß hatten wir es uns gar nicht vorgestellt. Geschäftig gingen die Leute, die schon vor uns gekommen waren, umher. Nun wurden unsere Kabinen verteilt. Auch die hatten wir uns nicht so schön vorgestellt. Klein, - aber fein! Schnell zogen wir uns um und gleich ging es zum Abendessen. Wir saßen da zu acht an den Tischen. Der großen Speisenfolge sprachen wir wacker zu. Hernach begaben wir uns auf das Deck. Der Verkehr ist am Abend genau so rege wie am Tage. Doch leider mußten wir bald in unsere Kabinen. Ermüdet von den großen und vielen Eindrücken schliefen wir bald ein.
Erstaunt wachten wir am anderen Morgen auf. Wo befanden wir uns denn eigentlich? Endlich kam uns die Besinnung wieder. Ach ja, auf der "CAP ARCONA"! Da sprangen wir gleich heraus aus unseren Kojen. Schnell wurde sich nun gewaschen und angezogen und zum Frühstück gegangen. Gleich begaben wir uns auf das Deck. Dort befand sich alles schon in reger Arbeit. Bis zur Abfahrt mußte ja noch viel geschehen. Viele Passagiere kamen noch an Bord.
Endlich kam um 10 Uhr das Zeichen: "Alle Gäste von Bord" ! Auch wir sammelten uns, um bei der Abfahrt einige Chöre vorzutragen. Nun sahen wir, wie die dicken Schiffstrossen die das Schiff fest hielten, abgemacht wurden. Unterdessen hatte auch ein kleiner Schlepper der H.S.D.G. bei uns festgelegt, um uns dann weg zu schleppen. Da heulte auf einmal die Schiffssirene auf. Das war das letzte Zeichen zur Abfahrt. Und schon kamen wir immer weiter vom Kai ab. Kaum erkannten wir noch die winkenden Leute am Ufer. Nun sahen wir nochmals die verschiedenen Anlagen. Doch diesmal von einem höheren Standpunkt aus als gestern. Allmählich verschwanden die Häuser und die hohen Kräne in einem grauen Nebel.
Die Fahrt ging nun an Blankenese, mit dem Aussichtsturm auf dem Süllberg, vorbei. Bald zog auch die Fischerinsel, die Heimat des berühmten Dichters Gorch Fock, an uns vorbei. Rechts sahen wir die Mündung vom "Kaiser-Wilhelm-Kanal". Gleich darauf auch Brunsbüttel. Von nun an sind die beiden Ufer ganz flach. Nach 1 ½ Stunden passierten wir Cuxhafen. Von da an beginnt die Nordsee.
Ehrfürchtig schauten wir über die unendliche Fläche des Meeres. Es war der gleiche gewaltige Anblick den wir vor einem Jahr in Den Haag-Scheveningen hatten. Da sahen wir nun auch schon das Feuerschiff "Elbe I". Hier kreuzen Tag und Nacht, bei Wind und Wetter, kleine Lotsenboote, die den heimkehrenden Schiffen Lotsen an Bord bringen. Da das Wetter nicht gerade zu schön war, sahen wir leider Helgoland nicht. Müde vom vielen Schauen ging es am Abend bald in das Bett.
Als wir am anderen Morgen zum Fenster hinaus schauten, sahen wir nur noch einen grauen Streifen der französischen Küste. Da die "CAP ARCONA" ein Schnelldampfer ist, legten wir leider nicht in der englischen Seestadt Dover und an der französischen Hafenstadt Calais an.
Bei schönem Wetter liefen wir um 2 Uhr in Boulogne ein. Sie ist eine befestigte Seestadt mit ca. 60.000 Einwohnern. Es kamen auch noch Fahrgäste an Bord. Weit in den Kanal hinaus gebaute Molen bieten Schutz. Die Schiffe müssen innerhalb der Mole ankern.
Um 5 Uhr verließen wir dann wieder Boulogne und steuerten zur englischen Küste nach Southhampton. Als wir an der engsten Stelle des Kanals angelangt waren, sahen wir in der Dämmerung die französische und die englische Küste zugleich. Aber beiderseitig nur einen grauen Streifen. Man konnte am Anfang kaum unterscheiden, ob das Land oder Wasser ist. Schnell sank dann die Sonne unter und wir begaben uns nach dem Essen unter das Deck.
Wir lagen alle schon im Bett, als wir gegen 12 Uhr in Southampton einliefen. Doch hatte immer einer Wache gehalten und weckte uns dann. Alle hingen nun am Fenster und jeder wollte etwas sehen. Doch da dieses nicht groß ist, entspann sich bald ein "Kampf um's Fenster". Man sah aber nur die Lichter von der Stadt. Doch auch dieses Bild war herrlich an zu schauen. Wir sahen, wie ein Schiff längsseits festlegte. Es brachte Passagiere an Bord. Auch noch Post wurde mit genommen. Große Scheinwerfer tasteten den Himmel ab. Manchmal trafen sie auch unser Schiff. Gespenstig lagen die anderen Schiffe im Wasser. Von den weiter entfernten sah man nur noch undeutliche Schatten. Gegen 2 Uhr wurde der schwere Anker gehievt. Und schon kamen wir wieder in Fahrt. Wir strebten wieder dem weiten Atlantik zu, wo man nur noch Himmel und Wasser sieht. Auch wir legten uns zur Ruhe. (Wir ahnten noch nicht, was uns am Morgen alles bevorstand!) Bei herrlichem Wetter liefen wir in den Golf von Biscaya hinein. Wir hatten schon vorher viel erzählen hören, daß das ein sehr tückischer Golf ist. Wir aber dachten leichten Mutes: - Ha, wir als Seemänner!, und spielten ruhig das bekannte Bordgolf weiter. Doch gegen 3 Uhr zeigten sich auf den Wellen weiße Schaumkronen. Auch die See ging immer höher. Das Schiff fing ganz bedenklich zu schaukeln an. Dazu hörten wir von arbeitenden Matrosen, daß das ein schlimmes Vorzeichen ist. Sie sagten aber noch, daß das nur ein kleines Stürmchen würde. Was das aber für ein Stürmchen würde, konnten wir uns lebhaft ausmalen. In dunkler Vorahnung begaben sich einige Sänger-Herren und leider auch Knaben in ihre Kabinen. Das Unheil zog immer näher heran. Fast alle fingen nun an "die Fische zu füttern" und "Neptun zu opfern" oder "Tribut zu zahlen". Die Seefesten aber spotteten und lachten die anderen aus: " Ha, da schaut sie an!"- und im nächsten Moment machten sie es ihnen getreulich nach.
Beim Abendessen erschienen dann glücklich noch 7 Buben von den 42. Doch auch von denen mußten noch 5 den Tisch verlassen. Wir waren nun nur noch zu zweit! Bleiche Gestalten wankten in den Gängen ihren Kabinen zu und viele waren glücklich, einen geheimen Ort gefunden zu haben, wo sie ruhig mit Poseidon, dem Gefürchteten, Aussprache halten konnten. Doch auch das ging wieder vorüber und nach 2 Tagen fühlten sich alle wieder wohlauf.
Unserem Ziele, Lissabon, kamen wir immer näher und am 4. Juli gelangten wir dann spät abends im Hafen der Stadt Lissabon an. Sie ist auf 7 Hügeln erbaut und man nennt sie deswegen auch die "Sieben-Hügelstadt". Sie hat 400.000 Einwohner. Am Tage gewährt sie von der See aus einen recht malerischen Anblick. Doch jetzt sahen wir auch nur wieder die Lichter der Stadt. Noch als wir im Bett lagen, hörten wir das Arbeiten der Kräne. Es mußte ja noch viel Proviant geladen werden, da wir jetzt für 2 Wochen nirgends mehr anlegten. Doch das Plätschern der Wellen an der Schiffswand schläferte uns ein und bald hörten wir nichts mehr von unserer Umwelt.
Als wir am frühen Morgen aufwachten hatten wir alle ein ganz sonderbares Gefühl in uns. Wo war denn das gewohnte Schaukeln des Schiffes geblieben? Da wir im Hafen lagen, ging die See ruhig und wir lagen fast still. Um 9 Uhr hörten wir das bekannte Rasseln des Ankers und wir wußten, daß die Fahrt wieder beginnt. Jetzt, am Tage, sahen wir auch die schöne Stadt. Da wir zu wenig Zeit gehabt hatten, konnten wir leider nicht an das Land gehen. Aber wir vertrösteten uns auf die Rückkunft. Vorbei am "Turm von Belem" ging die Fahrt wieder dem offenem Meere zu.
Am 6. Juni tauchten vor uns die gewaltigen Berge der Canarischen Inseln auf. Nebelschleier umwallten die Gipfel der wild zerklüfteten Berge. Es war für uns ein ganz sonderbares Gefühl, wenn man nur immer Wasser sieht und nun plötzlich die hohen Berge vor sich hat. Da diese steil ins Meer abfallen, erscheinen sie noch höher. Die Canarischen Inseln, von denen Teneriffa die größte ist, werden auch "Fortunate Insulae", das heißt: Die glücklichen Inseln, genannt. Sie sind vulkanischen Ursprungs. In der Hauptstadt Santa Cruz laufen jährlich 250 deutsche Schiffe ein. Wir sahen genau die gewaltige Brandung an den Klippen. Doch bald verschwand wieder alles aus unseren Blicken. Man sah nur noch die undeutlichen Umrisse der Berge. Aber auch die verschwanden und wir waren wieder ganz allein auf dem weiten Ozean.
Die Hitze wurde nun in diesen Tagen für uns fast unerträglich. Am liebsten wären wir in der Badehose umher gelaufen. Die sonst immer eifrig gespielten Bordspiele lagen in irgend einer Ecke. Kein Mensch schaute sie mehr an. In den Kabinen konnte es man überhaupt nicht mehr aushalten. Schon um 6 Uhr morgens besuchten wir das schöne und sehr moderne Schiffsschwimmbad. Wir badeten da zum Erstenmal im Seewasser. Dasselbe trägt viel besser als das Süßwasser. Am Anfang war es uns unangenehm, wenn Salzwasser in den Mund und die Augen kam. Doch auch daran gewöhnt man sich allmählich.
Eines Tages hörten wir den Ruf: "Land!", und wirklich, vor uns standen die gewaltigen Bergmassive der Cap-Verdischen-Inseln. Auch sie sind vulkanischen Ursprungs. Sie sind aber sehr unwirtlich und unfruchtbar. Auf der Insel Fogo erhebt sich der "Pico" als höchster Berg mit 2 870 m, er war bis 1847 ein tätiger Vulkan. Auch diese Berge verschwanden bald hinter uns.
Am 15. Juli passierten wir das kleine Eiland "Paul's Rock". Es ist eine kleine, unbewohnte Felsenklippe von etwa 500 m Länge und nur 15 Meter aus dem Wasser ragend. Dieser Felsen liegt fast genau auf der Äquator-Linie. Nur die Möven sind die Bewohner dieses Eilandes. Oft überfluten Wellenberge die ganze Insel. Dann fliegt der ganze Schwarm Möven in die Lüfte. Das war ein herrlicher Anblick. Doch leider verschwand das auch wieder.
Wenn die Reisenden die nördliche Halbkugel verlassen und am Äquator die südliche betreten, müssen sie sich nach altem Seemannnsritus erst vom Schmutze der nördlichen Halbkugel reinigen lassen. Das war nun auch bei uns der Fall. Schon um ½ 5 Uhr rannten wir aufgeregt in unseren Bademänteln im Schiff umher. Mit Grausen betrachteten wir am Tennisdeck das große Taufbecken. Bis um 5 Uhr waren dann glücklich alle Taufkandidaten und Zuschauer versammelt
Plötzlich heulte die Sirene auf und wir wußten nun, daß wir den Äquator passiert hatten. Und sogleich begann die Prozedur. Mit Sang und Klang zog Neptun mit seiner Gemahlin daher. In Neptun erkannten wir,- was allerdings sehr verwunderlich ist,- einen gewissen Matrosen wieder. Hinter ihm schritt mit erhobenem Haupte der Barbier mit einer riesigen Schere in der Hand. Auch folgte noch ein Astronom mit einer Musikbande. Die ganze Bagage stellte sich nun vor dem Taufbecken auf.
Der Astronom erklärte feierlich, daß der Äquator überschritten sei. Dann wurden die Namen vorgelesen. Der Täufling mußte sich auf den Rand des Beckens setzen. Von zwei kräftigen "Schwarzen", die sich im Wasser befanden, wurde man dann rücklings zwei- oder dreimal ins Wasser getaucht. Einige wollten schnell wieder heraus, aber da sorgten schon die starken "Schwarzen" dafür, daß sie öfters das fabelhafte Salzwasser schlucken durften. Hernach bekam man dann den schönen Taufschein. Am meisten mußten wir lachen, wenn Herren vom Domchor daran waren, besonders bei unserem Herrn Professor Schrems ! Zum Schluß kamen dann wir an die Reihe. Die ersten Zwei ließen sich die rauhe Behandlung noch gefallen. Doch das konnten wir nicht mit ansehen und setzten also sogleich zum Sturm an. Wir sprangen alle in das Wasser hinein. Einen "Schwarzen" warfen wir hinaus; den anderen aber tauchten wir so unter, daß er kaum noch Luft bekam. Es war so eng, daß wir uns kaum rühren konnten. Unter allgemeinem Gelächter kamen wir heraus und nahmen freudestrahlend unsere Taufscheine entgegen. Es hatte jeder einen Namen bekommen, wie Hecht, Blauhai (ich), Wal usw.. Am Abend fand dann noch ein großes Festessen mit Äquatorball statt. Dem durften wir aber, leider, nicht beiwohnen. Das machte aber uns nichts aus.
Nach vierzehntägiger, langer Fahrt landeten wir endlich in der Hauptstadt Brasiliens, in Rio de Janeiro. Schon von weitem sah man die charakteristische Gestalt des berühmten "Zuckerhutes". Mit dem Fernglas bestaunten wir die phantastischen Gestalten der Berge. Ferner sah man die Christus-Statue auf dem Corcovado, der 700 m hoch ist. Zur Rechten ist der "Finger Gottes", ein Berg, der wegen seiner sonderbaren Form diesen Namen trägt.
Plötzlich öffnete sich vor uns die Bucht von Rio. Das ist nun ein herrlicher Anblick. Vor uns lag die Stadt mit ihren hohen Wolkenkratzern. Dahinter stand der Corcovado und links von uns der 300 m hohe Zuckerhut. Davor liegt eine kleine Insel mit einem Fort. Gegenüber liegt noch eine kleine Insel mit einer Festung. Vor uns ankerten zwei brasilianische Kreuzer und ein paar Torpedoboote. Am Strand stehen die riesigen Wolkenkratzer des Geschäftsviertels, der City. Die ganze Bucht hat einen Umfang von 140 km, ist 30 km lang und an einigen Stellen 28 km breit. Die Bucht ist so groß, daß sie sämtliche Kriegsflotten der Welt aufnehmen kann.
Es kamen nun Zollbeamte an Bord um die verschiedenen Formalitäten zu erledigen. Da kam auch ein Pressevertreter der farbigen Bevölkerung zu uns und machte uns mit viel Mühe klar, daß wir uns zu einer Gruppe formieren sollten. Wir dachten uns, er würde wohl recht lang brauchen. Aber bis wir uns umschauten, hatte er schon seinen Kasten gezückt und geknipst, und mit einem "muito obrigado" entfernte er sich wieder. Bald hatten wir am Kai festgemacht und freuten uns auf den kommenden Landausflug.
Nach dem Mittagessen ging es an Land. Endlich wieder festen Boden unter den Füßen! Die Freude ist ja schließlich kein Wunder, wenn man für 20 Tage nur Schiffsplanken unter den Füßen hatte. Endlich gelangten am Ziel an. Dort hatten wir eine kleine Probe.
Um 6 Uhr waren wieder auf dem Schiff. Es war schon stockdunkel, als wir wieder dem Meere zu strebten. Wir hatten alle noch den phantastischen Sonnenuntergang im Sinn. Blutig rot ging die Sonne unter. Wir schauten auf den herrlichen Lichterglanz von Rio hinüber. Klar stand das "Kreuz des Südens" am Firmament. Über der Silhouette stand, grell beleuchtet, die Christusstatue auf dem Corcovado. Man meinte, die Statue schwebt vom Himmel herunter. Noch lange standen wir an der Reling, erfüllt vom ersten Eindruck der schönsten Stadt der Welt.
Am nächsten Tag liefen wir in Santos ein. Santos ist der bedeutendste Kaffeehafen der Welt. Am Kai steht eine Unmenge von riesigen Hebekränen. Finster stehen die Berge der Monte Serrat hinter der Stadt. Man sieht sonst nur einstöckige Häuser und unzählige Palmen. Zu einem Landausflug hatten wir zu wenig Zeit.
An der Küste entlang ging es zum nächsten Ziel, nach Montevideo. Am 17. Juli ertönte wieder der Ruf: "Land". Und wirklich, in der Ferne sah man, sich kaum vom Meere unterscheidend, einen Streifen Land. Allmählich kam dieses immer näher und nach ein paar Stunden lagen wir am Kai. Dort erwarteten uns Herr Dr. Miederer und Herr Hans Schrems. Wie freuten wir uns über das Wiedersehen! Sie waren nämlich schon mit der "General Rosario" voraus gefahren.
Bald starteten wir, um über das riesige La Plata-Delta, das 250 km breit ist, unserem Ziele Buenos Aires näher zu kommen. Der La Plata ist sehr seicht und muß, wie bei der Elbe, immer ausgebaggert werden. Wir rutschten förmlich am Boden dahin. Hinter uns wühlte die gewaltige Schiffsschraube den Grund auf. Es sah aus, als ob wir auf flüssiger Schokolade schwimmen würden
Um 9 Uhr gelangten wir dann an. Mit zwei Autobussen von der deutschen Goethe-Schule wurden wir in unsere Quartiere gebracht. Wir hatten auf der ganzen Reise nur Privatquartiere bei den Auslandsdeutschen. Noch lange saßen wir beisammen. Ich erzählte von der schönen Seereise und sie von Buenos Aires und den Deutschen die hier wohnen.
Buenos Aires heißt zu deutsch: "Die guten Lüfte". Sie ist die größte Stadt von Südamerika. Sie hat etwa 80 wunderbare Plätze und Parks. Sie hat ca. 2,2 Millionen Einwohner, davon 3.500 Deutsche. Was uns in Buenos Aires sofort auffiel, ist die Regelmäßigkeit der Stadtanlage. Die längste Straße ist 20 km lang. Sie teilt die Stadt in zwei Teile. Alle Straßenviertel sind schachbrettartig angelegt. Es sind immer 100 m bis zur nächsten Querstraße. Man kann sich also leicht zurecht finden. Buenos Aires besitzt auch eine Untergrundbahn.
Am nächsten Tag war dann das erste Konzert im "Teatro Colon".
In Buenos Aires war es eigentlich nicht so warm, wie wir es uns vorgestellt hatten. Es war nämlich Winter. Und doch waren die Bäume grün! Bei Gelegenheit aßen wir Apfelsinen und Mandarinen von den Bäumen herunter. Das machte uns natürlich Spaß.
Eines Tages hieß es: "Es geht nach Rosario". In 4 ½ Stunden waren wir dann da. Rosario ist keine besonders schöne Stadt. Sie hat etwa 430.000 Einwohner. Es können Schiffe von 10.000 BRT nach Rosario fahren. Wir waren froh als wir wieder in unserem alten Buenos Aires waren. Zuerst aßen wir auf dem Schiff "Madrid" von der H.S.D.G. zu Mittag. Erst nach dem Konzert konnten wir unsere lieben Quartiereltern begrüßen.
Mit einem vorsintflutlichen Ungeheuer ging es nach La-Plata, nämlich mit einem uralten, aber großen Omnibus. Schon als wir den Wagen sahen, fuhr uns der Schrecken in alle Glieder. Mit dem Auto sollen wir nach La-Plata fahren? Das kann ja gut werden, dachten wir uns. Endlich hatten wir unsere Knochen verstaut. Und schon ging die Fahrt los. "Wenn ich die Seekrankheit auf dem Schiff nicht bekommen habe, so bekomme ich sie bestimmt in diesem Wagen!", sagte ich. Doch es ging wider aller Erwartung noch glimpflich ab. Und so bummelten wir, mit höchstens 30 h/km, dahin.
Allmählich machte sich nun auch der Hunger bemerkbar. Etwa um 2 Uhr bogen wir von der Hauptstraße in einen Seitenweg ein, der zu einer Estancia führte. Dann hielt der Wagen und wir waren froh, daß wir uns wieder frei bewegen konnten. Plötzlich sahen wir einen verführerischen Braten, nämlich einen Ochsen auf Spießen. Daneben standen ein paar Gauchos und schürten das Feuer. Schnell wurde gefilmt und photographiert. Dann setzen wir uns auf Bänke und warteten mit Sehnsucht auf den seltenen Braten. Endlich kam ein Gaucho mit den saftigen Stücken daher. Wie hungrige Hyänen stürzten wir uns darauf. Dann, mit dem Brote in der Hand, bissen wir in den köstlichen Braten hinein. Dann sprangen wir auf dem großen Besitztum umher und plünderten auch ein paar Mandarinen-Bäume. Aber nun mußten wir wieder Abschied nehmen.
Dann ging es mit dem Marterkasten weiter. Auf der Fahrt sahen wir eine riesige Viehherde unseren Weg kreuzen. In La-Plata besuchten wir das La-Plata-Museum. Es ist berühmt wegen der vorsintflutlichen Tiere. (Im Stillen dachten wir uns:" Da gehört auch unser "Auto" hinein.") Am Abend war das Konzert. Bei stockfinsterer Nacht gelangten wir in Buenos Aires an.
Wir standen an der Reling des Flußdampfers "Buenos-Aires". Mit Schmerzen gedachten wir des Abschiedes von unseren lieben Quartiereltern. Wir hatten uns wie zu Hause gefühlt. Da es schon dunkel war, sahen wir nur noch die Lichter von Buenos Aires. In den schönen Kabinen fühlten wir uns wohl. Noch lange unterhielt ich mich mit meinem Freund Franz Zöllner über Buenos Aires, über unsere Quartiereltern und Argentinien. Allmählich schliefen wir doch ein.
Am nächsten Morgen wachten wir im Hafen von Montevideo auf. Der Erzbischof holte uns von Bord ab. Nun folgte etwas ganz "schreckliches". Nämlich die Zollinspektion. Man mußte warten, warten und wieder warten. Doch auch das ging vorüber. Dann wurden ein paar Aufnahmen für die Zeitung gemacht. Auch hier wurden wir mit Omnibussen abgeholt und hin gebracht.
Montevideo heißt zu deutsch "ich sehe einen Berg". Montevideo hat ungefähr 450.000 Einwohner. Der größte Wolkenkratzer hat 33 Stockwerke. Nach der Begrüßung durch die Quartiereltern legte ich mich , von den vielen und gewaltigen Eindrücken ermüdet, ins Bett.
Am nächsten Tag machte ich mit meinen Pflegeeltern eine Rundfahrt durch die Stadt. Wir kamen am Hafen und an der Sternwarte vorbei. Montevideo hat sehr schöne Straßen und Plätze. Am Abend war das erste Konzert.
In Montevideo blieben wir 5 Tage. Dort war auch die erste "Hänsel und Gretel"- Aufführung. (Ich sang die Rollen der "Mutter" und des "Taumännchens").Die Tage vergingen wie im Fluge und schon war der Abschiedstag da.
Diesmal ging es wieder mit der "CAP ARCONA" weiter. Als wir in den Hafen kamen, sahen wir sie weit draußen auf dem Meere. Doch mit 20 Seemeilen Geschwindigkeit kam sie näher. Majestätisch fuhr sie in den Hafen ein. Die Zollkontrolle war diesmal schnell vorbei. Ein letztes Händedrücken und es ging wieder an Bord.
In den Räumen der "CAP ARCONA" fühlten wir und gleich wieder heimisch. Nach 3-tägiger Fahrt waren wir in Santos. Diesmal hatten wir zu einem Landausflug zeit. Nach dem Mittagessen ging es an Land. Dort stiegen wir in die Straßenbahn und fuhren in der Stadt umher.
Es verkehren jährlich 2.500 Schiffe im Hafen. Früher war Santos ein Fischernest. Alle von Santos kommenden Schiffe wurden in anderen Häfen deswegen nicht gerne gesehen. Wir sahen wieder alte und enge Straßen in der Altstadt. Dann fuhren wir durch die wunderbare Palmen-Allee. Leider konnten wir auf den Monte Serrat die Drahtseilbahn nicht benützen. Man sagte uns, von oben habe man eine wunderbare Aussicht auf die Umgebung. Gegen 5 Uhr waren wir wieder auf dem Schiff und weiter ging die Fahrt nach Rio.
Bei herrlichem Wetter liefen wir in den Hafen von Rio de Janeiro ein. Vor unseren Augen wiederholte sich das wunderbare Bild der Hafeneinfahrt. Mächtig hob sich der riesige Wolkenkratzer der Zeitung "A Noite" aus den anderen Häusern empor. Kaum war der Landungssteg gelegt, als schon ein ganzes Regiment von Fotographen kam um uns zu knipsen. Dann ging es an Land.
Unsere Quartiereltern holten uns vom Hafen ab. Ich wohnte am Corcovado oben. Von da aus hatte ich eine wunderbare Aussicht auf das Meer. Hier oben war es nicht so heiß wie unten in der Stadt. Ich mußte immer mit der Straßenbahn in die Stadt fahren. Dabei ging die Fahrt über einen alten Aquädukt. Er ist 63 m lang und wurde 1750 erbaut. Dieser war früher eine Wasserleitung. In 17 m Höhe fährt man über die Stadt.
Wir sangen im prächtigen "Teatro Municipal"
Einmal fuhren wir auf den Corcovado. Man gelangt mit der Straßenbahn bis zur "Silvestra". Von dort aus geht eine Straßenbahn bis zur Spitze. In einer halben Stunde waren wir oben. Der Anblick, den man von da oben hat, läßt sich gar nicht ausdrücken. Man könnte hier stundenlang stehen und nur immer staunen und schauen. Tief unten liegt tiefblau das Meer mit all den schönen Buchten und Häfen. Die Schiffe sind wie ein Spielzeug. Auch die größten Gebäude sehen aus wie Zündholzschachteln. Auch der Zuckerhut kommt einem nicht mehr so mächtig vor. Wenn man nach links und nach rechts schaut, so sieht man die Berge des brasilianischen Berglandes. Leider mußten wir bald wieder herunter. Das war einer der schönsten Tage meines Lebens! (Mit 13 Jahren !)
Wir hatten auf der Reise sehr viel Glück. Es hat fast nie geregnet. Und so auch in Rio. Eines Tages sagten meine Quartiereltern: " Heute geht es an den Strand!" . Das war für mich natürlich eine Riesenfreude! Wir trafen uns mit ein paar Freunden am Strand. Wir lagen im Sand und bauten Burgen und Wälle. Dann kam wieder ein Kampf gegen die Wellen. Es ist sehr gefährlich, wenn man zu weit hinaus schwimmt. Es kommen da bis zu 7 m hohe Wellen daher. In diese stürzten wir uns hinein. Das ist natürlich sehr schön.
Leider vergingen die 7 Tage wieder viel zu schnell. Wir hätten noch gerne in dieser schönen Stadt verweilt. Fast alle unsere Pflegeeltern kamen an die Bahn. Ein letztes "Auf Wiedersehen" und hinaus ging die Fahrt.
Nach 12-stündiger Fahrt (mit der Bahn) durch die Berge, gelangten wir in Saò Paulo an. Wir fuhren da so richtig im Inneren des Landes. Meistens sahen wir nur Lehmhütten. Es war stockdunkel, als wir in Saò Paulo ankamen. Es hat 800.000 Einwohner. Man kann das nicht so leicht feststellen, da die Verfassung noch nicht wie in Deutschland ist. Es wohnen da etwa 4.000 Deutsche, also im Verhältnis sehr viele. In Saò Paulo sind nicht so viele Farbige, wie in Rio.
Das "Teatro de Sol" ist ein wunderbarer Bau. In ihm sangen wir unsere Konzerte. "Hänsel und Gretel" führten wir zweimal auf. (Ich sang wieder die "Mutter" und das "Taumännchen".)
Einmal durften wir auf den höchsten Wolkenkratzer von Saò Paulo. Man hat von hier aus eine wunderbare Aussicht auf die Stadt. Ich besuchte alle Tage den herrlichen Deutschen Sportclub. Er hat das größte Schwimmbecken von Südamerika. Es war hier immer sehr schön.
Wir freuten uns schon alle auf den Ausflug zu der nahegelegenen Schlangenfarm "Butantan". Früh um 10 Uhr fuhren wir mit Autos weg. Es entwickelte sich da eine Art Rennen. Wir spornten unsere Pflegeeltern bis zum Äußersten an, damit wir ja die Ersten würden. Bald gelangten wir an. Als dann alle versammelt waren, gingen wir in die Farm.
In einem tiefer gelegten Rondell lagen die Schlangen zusammengerollt. Da kam ein Wärter und sprang hinein. Er hatte einen Stock bei sich. Mit diesem warf er die Schlangen in die Luft. Nun kam der Direktor der Farm. Er erzählte folgendes: " In Brasilien gibt es über 200 Arten von Schlangen. Bei manchen Bissen kann der Tod schon nach wenigen Minuten erfolgen, bei anderen tritt Lähmung, Blindheit oder Starrkrampf erst nach einigen Tagen ein. Die gefährlichste aller Schlangen ist die Surucucu, die bis zu 3 m lang wird. Ihre Giftzähne sind 2 - 5 cm lang." In Butantan, sagte er, werden durch Abzapfen des Schlangengiftes und mit dem folgenden Impfen des Giftes an Pferden, drei Arten von Seren gegen Schlangenbisse hergestellt: 1. gegen die Surucucu, 2. gegen die scheuen Klapperschlangen, 3. gegen die Brillenschlangen usw.. Nachdem er gesprochen hatte, dankten wir ihm für das schöne Entgegenkommen.
Nach der Besichtigung besuchten wir das deutsche Altersheim. Dort sangen wir ein paar Liedchen. In lustiger Fahrt ging es dann wieder Saò Paulo zu.
Es ist doch sonderbar; dort, wo es einem am besten gefällt, da vergeht die Zeit am schnellsten. Wir fanden bei den Auslandsdeutschen immer herzliche Aufnahme. Sie waren ganz betrübt, wenn wir wieder wegfuhren. Die meisten begleiteten uns bis an den Bahnhof und wenn wir dann wegfuhren, standen ihnen die Tränen in den Augen.
Wir haben alle so viele Geschenke bekommen, daß wir diese kaum noch in die Koffer bekamen. Am letzten Tag war immer in jeder Stadt eine keine Abschiedsfeier von den Auslandsdeutschen. Am schönsten war es in Saò Paulo. Am Abend gingen wir in die "Lyra". Dort sangen wir ein paar Liedchen. Hernach setzten wir uns zwischen die Leute und aßen und tranken tapfer mit. So war es fast in jeder Stadt. In Buenos Aires hatten wir sogar eine kleine Filmvorführung.
Nun kam wieder der traurige Abschiedstag. Mit dem Auto wurde ich zum Bahnhof gefahren. Dort waren die anderen schon versammelt. Wir bekamen dann auch unser Gepäck, das schon in aller Frühe dort hin geschafft wurde, wieder.
Nun kam auch schon unser Zug daher gebraust, der uns nach Santos bringen sollte. Wir besetzten gleich unsere Waggon's und stürmten an die Fenster. Wieder ein letztes Händedrücken und der Zug fuhr aus dem Bahnhof. Noch lange winkten wir hinaus. Ganz bedrückt saßen wir auf unseren Plätzen. Es wollte keine frohe Stimmung aufkommen. Es war ja auch ein sehr schwerer Abschied gewesen. Saò Paulo war unsere zweite Heimat geworden. Die letzten Häuser kamen außer Sicht und wir strebten vorerst den Bergen zu.
95 km beträgt die Strecke zwischen Saò Paulo und Santos. Wir fuhren über kühn geschwungene Brücken und Viadukte. In den Tälern wallten die Nebelschleier. Düster standen die gewaltigen Bergmassen da. Der Höhenunterschied beträgt 800 m.
Nach zweistündiger Fahrt gelangten wir endlich in Santos an. Mit der Straßenbahn ging es zum Hafen. Von hier ab fuhren wir nicht mehr mit der "CAP ARCONA", sondern mit dem Turbinen-Dampfer "General Artigas". Dieses Schiff ist aber auch von der H.S.D.G. Es ist aber bei weitem nicht so groß. Am Abend sangen wir ein paar Lieder bei den Deutschen in Santos. Dann schliefen wir zum Erstenmal auf der "General Artigas".
Am 27. Juli 1937 gelangten wir, bei schönem Wetter, in Bahia an. Der eigentliche Name lautet: "Ciudad de Saò Salvador da Bahia de todos os Santos", d. h. Stadt des Heiligen Erlösers in der Allerheiligen-Bucht. Die Bucht ist 52 km breit und 42 km lang.
Als wir ankamen, war es schon dunkel. Nach dem Abendessen fuhren wir mit 2 Bussen zur deutschen Kolonie.
Am anderen Tag durften wir uns am Hafen Andenken kaufen . Wir konnten da unsere Handelstalente zeigen. Wir sahen die Unter- und Oberstadt vor uns liegen. Die Verbindung mit der 80 m höher liegenden Oberstadt wird durch steile Straßen, 2 Zahnradbahnen und einem elektrischen Aufzug hergestellt. Bahia ist eine Stadt voller Farbiger. In keiner Stadt gibt es davon so viele wie in Bahia. Es ist dies aber nicht die Urbevölkerung. Diese Menschen wurden um 1750 als Sklaven aus Afrika nach Südamerika gebracht, um den damaligen Arbeitermangel zu beheben. In der Unterstadt ist es wie in einer afrikanischen Handelsstadt.
Um 10 Uhr sangen wir ein Amt in St. Bento. In Bahia gibt es 365 Kirchen. Einige davon sind sehr schön. Wo man geht und steht, sieht man Kirchen.
Gegen ½ 12 Uhr gingen wir wieder an Bord. Bald sah man die Küste nur noch sehr undeutllich.
Am Samstag, den 8. Oktober, liefen wir in aller Frühe um 6 Uhr, bei herrlichem Wetter, in den Hafen von Madeira ein. Diese Inseln gehören zu Portugal. Die Hauptstadt heißt Funchal und hat 50.000 Einwohner. Die Inseln sind vulkanischen Ursprungs. Nach Madeira kommen sehr viele Kranke und Erholungsbedürftige, um in dem milden Klima Erholung zu suchen.
Wir wurden schon um 6 Uhr geweckt. Erstaunt blickten wir zum Bullauge hinaus. Hinter den zackigen Bergen stieg eben die Sonne auf. Vor uns lagen zwei riesige Personendampfer. Sie waren wie mit Silber überzogen. Das Meer glänzte, daß man ganz geblendet wurde. Allmählich stieg die Sonne höher und der Glanz verschwand wieder.
Schnell wurde sich angezogen und es ging zum Kaffeetrinken. Diesmal ging es aber schneller als gewöhnlich, denn es sollte bald an Land gehen. Wir schauten den Geldtauchern eine Zeitlang zu und warfen kleine Geldstücke hinunter. Mit einem Sprung aus den Booten tauchten sie dann nach. Man sah jede Bewegung. Bald hatten sie diese aufgefunden und kamen wieder an die Oberfläche. Da zeigten sie uns dann die Geldstücke.
Endlich kam ein großes Boot und brachte uns an Land. Nach langer Zeit wieder festen Boden unter den Füßen. Es erging uns ähnlich wie in Rio. Ein Herr führte uns in die Stadt. Dort warteten wir auf zwei Autobusse. In einem Wagen waren 20 Sitzplätze. Und da mußten dann alle 42 Knaben hinein. Wir waren wie Heringe hinein geschichtet. Und nun kam etwas, was ich in meinem ganzen Leben nicht vergessen werde. Was man in Deutschland "Fahren" nennt, ist da überhaupt nichts! Der Auto-Lenker fuhr mit dem großen Wagen durch die engen Straßen, daß es uns graute. Wir fuhren auf einer schön gewundenen Straße einen Berg hinauf. Von da oben hatte man eine wunderbare Aussicht auf den Hafen und auf die Umgebung. Tief unten lag unser Schiff im Hafen. Schnell besuchten wir noch die Kirche "Nossa Senhora do Monte", d.h. "Unsere Frau vom Berge".
Leider hatten wir nicht mehr lange Zeit und wir mußten wieder auf das Schiff. Bald versanken auch diese Berge hinter uns.
Da wir vor Lissabon Sturm hatten, kamen wir erst später an. Vor der Einfahrt lagen 2 U-Boote. Kurz vor uns ankerte das Panzerschiff "Admiral Spee".
Nach dem Mittagessen ging es an Land. Man konnte jetzt genau die sieben Hügel betrachten auf denen die Stadt erbaut ist. Wir kamen auch am "Platz des Handels" vorbei. Auf ihm steht das Reiterstandbild König Joseph I. An der Ecke der Rua do Arsenal, wo jetzt die Hautpost steht, wurde am 1. Februar 1908 König Karl und Kronprinz Luis Philiph von Verschwörern ermordet.
Die Hitze wurde unerträglich und so kehrten wir wieder auf das Schiff zurück. Da kamen wir an der Markthalle vorbei. Da gingen wir natürlich hinein und kauften uns Trauben. Sie waren sehr billig. Mit der Straßenbahn ging es zum Schiff zurück und um 6 Uhr schaukelten wir schon wieder auf dem Meere.
Schon am Morgen standen wir an der Reling und spähten nach Land aus. Endlich zeigte sich ein Streifen Land. Wir kannten uns vor Freude gar nicht mehr aus. Vorbei an den 4 Elbeschiffen ging die Fahrt in den Hafen. In Cuxhafen kam Herr Präfekt Maier an Bord. Das war für uns eine große Freude. Während wir einige Lieder sangen, wurden wir am Kai festgemacht.
Mit einem Autobus fuhren wir in das Konzert. Hernach bezogen wir unser Quartier "Hein Godenwind".
Nach Hamburg besuchten wir noch die beiden Städte Hannover (Konzert) und Berlin. Diese waren uns noch den letzten Reisen her bekannt. In Berlin sangen wir in der ausverkauften Philharmonie.
Am 19. September rollte der Zug aus der Halle Richtung Regensburg.
Am Nachmittag des 19.9.37 lief der Zug in Regensburg ein. Große Menschenmassen erwarteten uns da. Als wir ausstiegen, spielte die Militärkapelle den "Badenweiler Marsch". Groß war meine Freude, als ich meine Eltern erblickte. Ich mußte natürlich gleich das Erzählen beginnen. Unter dem Jubel der Menschenmassen stiegen wir in die Straßenbahn und die Fahrt ging zur Dompräbende. Wir waren froh, als wir wieder in den bekannten Räumen waren.
Bald hatten wir uns wieder eingewöhnt!
Joseph Wurm
Mit meinem Tagebuch gewann ich den 1. Preis, ein Buch. Bei der Übergabe sagte Präfekt Hans Meier: "Na, Pepi, - anscheinend hast du auf der Reise doch nicht nur Unfug getrieben!". Diesen Satz verstehe ich noch heute nicht, wo wir doch immer so brav waren!
Die hier abgebildeten Illustrationen entstammen eines alten Filmes welcher derzeit von dem Präfekten Franz Johann Löffler gedreht wurde. Seine Witwe hat dieses Filmmaterial freudlicherweise zur Verfügung gestellt. Für die finanzielle Unterstüzung bei der professionellen Aufbereitung der alten Filme geht der Dank an Herrn Karl-Heinz Hastreiter.